BRIEF AUS DEM JENSEITS - HÖLLE

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SANCTA ECCLESIA CATHOLICA

 

Brief aus dem Jenseits!

Hölle

Eine Verdammte meldet sich bei einer ehemaligen Freundin mit einem Brief aus dem Jenseits

 

(Von Dr. Bernhard Krempl)

ISBN 3-85406-099-8 Mediatrix -Verlag

Bestellmöglichkeit: Tel.: 08671 – 12015 / Altötting

 

Eine Mutter fand unter den Papieren ihrer Tochter, die als junge Klosterfrau starb, folgendes Schreiben: Ich arbeitete in einem kaufmännischen Büro in München zusammen mit einer Freundin, die bald heiratete und nun in ein Villenviertel zog. Nach einigen Jahren, im Herbst 1937, erfuhr ich während eines Urlaubs am Gardasee, dass sie bei einem Autounfall ums Leben kam.

Diese Nachricht erschreckte mich. Ich wusste, dass Anni nie recht religiös gewesen war. War sie, als Gott sie plötzlich abrief, vorbereitet? Am folgenden Morgen nahm ich in der Hauskapelle der Schwesternpension, wo ich wohnte an der hl. Messe teil, betete innig für ihre Seelenruhe und opferte die hl. Kommunion in dieser Meinung auf.

Aber den ganzen Tag verspürte ich ein gewisses Unbehagen, das sich gegen Abend steigerte.

Ich schlief unruhig. Schließlich erwachte ich wie von einem heftigen Pochen. Ich drehte das Licht an. Die Uhr auf dem Nachttischchen zeigte 10 Minuten nach Mitternacht. Doch nichts war zu sehen. Kein Laut ging im Hause. Nur die Wogen des Gardasees klatschten eintönig an die Ufermauern des Pensionsgartens. Vom Wind war nichts zu hören.

Und doch hatte ich beim Erwachen außer dem Pochen ein windförmiges Geräusch zu vernehmen geglaubt, ähnlich dem, wenn mir mein Chef im Büro übergelaunt einen lästigen Brief aufs Pult wirft.

Ich besann mich einen Augenblick aufzustehen und beruhigte meine überhitzte Phantasie, betete einige Vaterunser für die Armen Seelen und schlief wieder ein.

Und ich träumte:

Ich sei am Morgen gegen 6.00 Uhr aufgestanden und wollte in die Hauskapelle, als ich mit dem Fuß beim Öffnen der Zimmertür an einen Bund loser Briefblätter stieß. Sie aufheben, Annis Schrift erkennen, einen Schrei ausstoßen, war eins.

Zitternd hielt ich die Blätter in Händen. Ich begriff, dass ich in dieser Stimmung kein Vaterunser über die Lippen brächte. Zudem überfiel mich eine erstickende Angst.

So wusste ich nichts Besseres zu tun, als ins Freie zu flüchten. Ich ordnete etwas das Haar, steckte den Brief ins Täschchen und verließ das Haus.

Draußen klomm ich den Weg empor, der sich jenseits der Autostraße, der berühmten „Gardesana“, zwischen Ölbäumen, Villengärten und Lorbeerstauden bergan windet.

Der Morgen stieg leuchtend herauf. Sonst sog ich hier alle hundert Schritte den herrlichen Ausblick ein, der sich von hier auf den See und die märchenschöne Gardainsel bietet. Die sprichwörtliche Bläue des Wassers labte mich immer wieder. Und wie ein Kind den Großvater, so staunte ich den grauen Monte Baldo an, der sich am anderen Ufer langsam von den 64 Metern Seespiegelhöhe bis über 2200 m emporhebt.

Jetzt hatte ich für all dies kein Auge. Mechanisch ließ ich mich nach einer Viertelstunde Wegs auf eine Bank fallen, die an zwei Zypressen lehnte, wo ich noch am Vortage belustigt Federers „Jungfer Therese“ gelesen. Zum ersten Mal empfand ich nun die Zypressen als Totenbäume, als was sie mir im Süden, wo sie häufig vorkommen, vordem nie erschienen sind.

Ich griff nach dem Brief. Die Unterschrift fehlte. Aber es war unverkennbar Annis Schrift. Selbst der weitausgreifende S-Schnörkel und das französisch geformte T fehlten nicht, das sie sich, um Herrn Gr. zu ärgern, im Büro angeeignet hatte.

Der Stil war nicht der ihrige. Wenigstens sprach sie nicht wie gewöhnlich. Denn sie verstand ungemein liebenswürdig zu plaudern und aus blauen Augen neben ihrem niedlichen Stumpfnäschen zu lachen.

Nur wenn wir über religiöse Fragen stritten, konnte sie giftig werden und dem harten Tonfall dieses Briefes verfallen. (Ich bin jetzt selbst in die aufgepeitschte Sprechweise ihres Briefes hineingekommen.)

Ihr SCHREIBEN AUS DEM JENSEITS setze ich Wort für Wort fort, wie ich es im Traum gelesen.

Es lautet also:

«Klara! Bete nicht für mich. ICH BIN VERDAMMT. Wenn ich es dir mitteile und dir des längern darüber berichte, glaube nicht, es geschehe aus Freundschaft. Wir lieben hier niemanden mehr. Ich tue es wie gezwungen. Tue es als «Teil von jener Macht, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.» In Wahrheit möchte ich auch dich in diesem Zustand landen sehen, worin ich jetzt auf ewig Anker geworfen habe.

Sei nicht verwirrt über diese Absicht. Wir denken hier alle so. Unser Wille ist im Bösen - was ihr eben «böse» nennt - versteinert. Selbst wenn wir etwas «Gutes tun», wie ich jetzt, indem ich dir über die Hölle die Augen aufreiße, geschieht es nicht in guter Absicht.

Erinnerst du dich noch, vor vier Jahren lernten wir einander in München kennen. Du zähltest 23 und warst schon ein halbes Jahr in dem Büro, als ich dort eintrat.

Du halfst mir oft aus der Verlegenheit, gabst mir als Anfängerin manch guten Wink. Aber was heißt «gut»!

Ich lobte damals deine «Nächstenliebe». Lächerlich! Dein Helfen entsprang reiner Großtuerei, wie ich übrigens schon damals vermutete. - Wir anerkennen hier nichts Gutes. An niemand.

Meine Jugendzeit kennst du. Einige unerzählte Lücken fülle ich hier aus.

Nach dem Plane meiner Eltern hätte ich eigentlich gar nicht sein sollen. Es «passierte ihnen eben ein Unglück». Meine beiden Schwestern zählten bereits 14 und 15 Jahre, als ich dem Licht zustrebte.

Wäre ich nicht geworden! Könnte ich mich jetzt vernichten, diesen Qualen zu entrinnen! Keine Wollust käme der gleich, womit ich mein Dasein zerrisse wie ein Aschegewand, dass seine Fetzen in nichts zerflattern.

Aber ich muss sein. Muss so sein, wie ich mich gemacht habe - mit verfehltem Daseinsziel.

Als Vater und Mutter, noch ledig, vom Lande in die Stadt gezogen waren, hatten beide die Fühlung mit der Kirche verloren. Es war auch besser so.

Sie schlossen sich kirchlich ungebundenen Kreisen an. Bei einem Tanzvergnügen lernten sie sich kennen und «mussten» ein halbes Jahr später heiraten.

Bei der Trauung ist an ihnen nur so viel Weihwasser hängen geblieben, dass es die Mutter ein paar Mal jährlich zur Sonntagsmesse in die Kirche zog. Recht beten hat sie mich nie gelehrt. Sie ging auf in Sorgen des Alltags, obwohl unsere Lage nicht drückend war. Solche Wörter wie Beten, Messe, Weihwasser, Kirche schreibe ich mit einem inneren Eckel ohnegleichen! Ich verabscheue das wie die Kirchenspringer, alle Menschen und Dinge überhaupt.

Denn aus allem erwächst uns Qual. Jede bei der Trennung empfangene Erkenntnis, jede Erinnerung an Erlebtes und Gewusstes ist uns eine Stichflamme.

Und alle Erinnerungen drehen jene Seite uns zu, die an ihnen Gnade war. Die wir verschmähen. Wie das peinigt! - Wir essen nicht, wir schlafen nicht, wir gehen nicht mit Füßen. Seelisch angekettet starren wir mit «Heulen und Zähneknirschen» auf unser verpfuschtes Leben. Hassend und gepeinigt.

Hörst du! Wir trinken hier den Hass wie Wasser. Auch untereinander.

Am meisten hassen wir Gott. Ich will es dir begreiflich machen. Die Seligen im Himmel müssen ihn lieben. Denn sie schauen ihn schleierlos in seiner blendenden Schönheit. Das beseligt sie unbeschreiblich. Wir wissen das, und diese Erkenntnis macht uns rasend.

Die Menschen auf Erden, die Gott aus Schöpfung und Offenbarung erkennen, können ihn lieben; gezwungen sind sie nicht.

Der Gläubige - knirschend schreibe ich es nieder - der sinnend Christus am Kreuze ausgespannt betrachtet, wird ihn lieben.

Wem aber Gott nur nahe tritt als der Strafende, Rächende, Gerechte, weil einst von ihm Verworfene, wie es bei uns der Fall war: der hasst ihn. Mit der vollen Wucht seines bösen Willens. Ewig. Kraft des freiwilligen Entschlusses, von Gott abgewandt zu sein, womit wir unsere Seele sterbend ausgehaucht. Und den wir auch jetzt nicht zurückziehen und nie werden zurückziehen wollen.

Verstehst du jetzt, warum die Hölle ewig währt? Weil unsere Hartnäckigkeit nie wegschmilzt!

Gezwungen füge ich bei, dass Gott selbst gegen uns auch barmherzig ist. Ich sage «gezwungen».

Denn schreibe ich diesen Brief auch gewollt, ist es mir doch nicht gestattet zu lügen, wie ich gerne möchte. Vieles bringe ich gegen meinen Willen zu Papier. Auch die Flut der Schmähungen, die ich ausspeien wollte, muss ich herunterwürgen.

Gott war gegen uns barmherzig dadurch, dass er auf Erden unsern schlechten Willen nicht so sich ausleben ließ, wie wir dazu bereit gewesen wären. Das hätte unsere Schuld und Strafe vergrößert. Er ließ uns vorzeitig sterben, wie mich, oder andere mildernde Umstände eintreten.

Jetzt erweist er sich gegen uns barmherzig, indem er uns nicht zwingt, ihm näher zu treten, als eben in diesem entfernten Höllenort, was die Qual verringert.

Jeder Schritt Gott näher verursacht mir größere Pein als dir ein Schritt näher einem brennenden Scheiterhaufen.

Du hast dich entsetzt, als ich dir auf einem Spaziergang einst erzählte, mein Vater habe wenige Tage vor meiner Erstkommunion bemerkt: «Sorg, Annerl, dass du ein hübsches Kleid bekommst; das andere ist doch alles Schwindel.»

Ich hätte mich ob deinem Schreck fast selbst geschämt. Jetzt lache ich darüber.

Das einzige Vernünftige bei dem Schwindel war, dass man uns erst mit zwölf Jahren zur Kommunion zuließ. Ich war damals bereits eingenommen genug von Weltlustigkeit, dass ich das Religiöse leichten Herzens hintansetzte; mir aus der Kommunion nicht viel machte.

Dass manche Kinder jetzt schon mit sieben Jahren zur Kommunion gehen, versetzt uns in Wut. Wir tun alles, den Leuten weiszumachen, es fehle den Kindern an Verständnis dafür. Sie müssen erst einige Todsünden begangen haben! Dann schadet ihnen der weiße Herrgott nicht mehr so, wie wenn Glaube, Hoffnung und Liebe, - Pfui darüber! - noch von der Taufe im Kinderherzen lebendig sind.

Erinnerst du dich, dass ich diesen Standpunkt schon auf Erden vertrat?

Ich erwähnte meinen Vater. Er lag mit der Mutter oft im Streit. Ich habe es dir nur selten angetönt; ich schämte mich darob. Lächerliches Ding, die Scham! Uns ist hier alles gleich.

Sie schliefen auch nicht mehr im selben Zimmer, sondern bei der Mutter; Vater in der Kammer nebenan, wo er jederzeit nachts heimkommen konnte. Er trank viel und vertrank unser ganzes Vermögen. Die beiden Schwestern waren in Stellung und brauchten ihr Geld selber, sagten sie. Die Mutter begann zu verdienen.

Im letzten Lebensjahr hat Vater die Mutter oft geschlagen, wenn sie ihm nichts geben wollte. Gegen mich war er immer lieb. Eines Tages, da habe ich dir erzählt, und du hast dich damals über meine Verwöhntheit geärgert - worüber hast du dich an mir nicht geärgert! - eines Tages also trug er sogar zweimal gekaufte Schuhe wieder zurück, sie umzutauschen, weil mir die Form und Absätze nicht modern genug waren.

In der Nacht, wo ein Schlaganfall meinen Vater zu Tode traf, geschah etwas, das ich aus Angst vor einer mir unliebsamen Auslegung dir nie anvertrauen mochte. Doch nun sollst du es wissen. Es ist schon darum denkwürdig, weil ich damals zum ersten Male von meinem jetzigen Quälgeist angesprochen wurde.

Ich schlief in der Kammer bei meiner Mutter. Ihre regelmäßigen Atemzüge verrieten ihren tiefen Schlaf. Da hörte ich mich plötzlich beim Namen rufen. Eine unbekannte Stimme spricht: «Was ist, wenn der Vater stirbt?» Ich liebte den Vater nicht mehr, seit er die Mutter so grob behandelte; wie ich überhaupt schon damals eigentlich niemand liebte, sondern nur an einigen hing, die gut zu mir waren. - Liebe ohne Aussicht auf irdischen Gegengewinn lebt nur in den Seelen, die im Stande der Gnade sind. Das war ich nicht.

So antwortete ich auf die geheimnisvolle Anrede, ohne mir Rechenschaft zu geben, woher sie kam: «Er stirbt doch nicht!»

Nach einer kurzen Pause wiederum dieselbe klar vernommene Frage. - «Er stirbt doch nicht!» entfuhr es mir abermals unwirsch.

Zum drittenmale wurde ich aufgefordert: „Was ist, wenn der Vater stirbt?“ - Mir schwebte vor Augen, wie Vater oft angetrunken heimkam, lärmte, die Mutter misshandelte, wie er uns vor den Leuten in eine missliche Lage gebracht. So schrie ich trotzig: „Dann ist es recht!“

Da wurde alles still.

Am folgenden Morgen, als Mutter in Vaters Zimmer aufräumen wollte, fand sie die Tür verschlossen. Gegen Mittag brach man auf. Der Vater lag halb angekleidet auf dem Bett, als Leiche: Beim Bier holen im Keller muss er sich erkältet haben. Er kränkelte schon seit langem.

(Hätte es also Gott an den Willen eines Kindes geknüpft, dem der Mann doch einigermaßen gut gewesen, ob er ihm noch länger Gelegenheit zur Umkehr gewähre?)

Martha K. und du bewogen mich, dem Mädchenbund beizutreten. Ich habe zwar nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich die Belehrungen der beiden Leiterinnen, der Damen X, recht pfarrermäßig fand.

Die Spiele waren unterhaltsam. Ich behauptete dabei bald, wie du weißt, eine führende Rolle. Das behagte mir. Auch die Ausflüge gefielen mir. Ich ließ mich selbst einige Male bewegen, zur Beichte und Kommunion zu gehen.

Eigentlich hatte ich nichts zu berichten. Gedanken und Reden fielen bei mir nicht auf die Waagschale. Zu gröberen Taten war ich noch nicht weit genug.

Du mahntest mich einmal: „Anni, wenn du nicht betest, gehst du verloren!“

Ich betete freilich wenig. Und auch das nur ungern. Du hattest nun allerdings recht. Alle, die in der Hölle brennen, haben nicht gebetet oder nicht genug gebetet.

Das Gebet ist der erste Schritt zu Gott. Es bleibt der entscheidende. Besonders das Gebet (Rosenkranz) zu derjenigen, die Christi Mutter war, deren Namen wir nicht nennen.

Die Andacht zu ihr entreißt dem Teufel zahlreiche Seelen, die ihm die Sünde unfehlbar in die Hände gespielt hätte.

Wütend fahre ich fort - weil ich muss - : Beten ist das Leichteste, was der Mensch tun kann auf Erden. Und gerade an dieses Leichteste hat Gott das Heil geknüpft.

Wer beharrlich betet, dem gibt er allmählich so viel Licht, stärkt ihn dermaßen, dass sich auch der versumpfteste Sündenbock schließlich endgültig erheben kann. Und steckte er bis zum Halse im Schlamme.

Ich habe in den letzten Lebensjahren überhaupt nicht mehr recht gebetet und so mich der Gnaden beraubt, ohne die niemand selig wird.

Hier erhalten wir keine Gnade mehr. Doch selbst, wenn wir sie erhielten, hohnlachend wiesen wir sie zurück. Alle Schwankungen des Erdendaseins haben im Jenseits aufgehört.

Bei euch auf Erden kann der Mensch vom Stand der Sünde in den Stand der Gnade rutschen. Von der Gnade in die Sünde fallen, oft aus Schwäche, zuweilen aus Bosheit.

Mit dem Tod hat dieses in der Unvollkommenheit des irdischen Menschen fußende Auf- und Abtanzen ein Ende gefunden. Der Endzustand ist erreicht.

Schon mit den zunehmenden Jahren werden die Sprünge kleiner. Es ist wahr, bis zum Tode kann man sich Gott zuwenden oder ihm den Rücken kehren. Doch fast zwangsläufig entschließt sich der Mensch mit den letzten verzitternden Willensregungen vor dem Verscheiden so, wie er es im Leben gewohnt war.

Gute oder böse Gewohnheit ward zur zweiten Natur. Diese reißt ihn fort.

So auch mich. Ich lebte seit Jahren von Gott abgekehrt. So entschied ich mich beim letzten Gnadenruf gegen Gott. Nicht, dass ich oft sündigte, war mir zum Verhängnis, sondern dass ich nicht mehr aufstehen wollte.

Du hast mich mehrmals zum Anhören der Predigt und zum Lesen frommer Bücher gemahnt.

Ich fände keine Zeit dazu, lautete regelmäßig mein Bescheid. Hätte ich meine innere Unsicherheit noch vermehren sollen?

Ich muss übrigens feststellen: als es einmal so weit war, wie kurz vor meinem Austritt aus dem Mädchenbund, da wäre es mir ungeheuer schwer gefallen, einen anderen Weg einzuschlagen. Ich fühlte mich unsicher und unglücklich. Doch vor der Umkehr starrte eine Mauer.

Das musst du nicht erkannt haben. Du hast es dir so einfach vorgestellt, da du einmal sagtest: „Leg doch eine gute Beicht ab Anni, und alles ist wieder gut!“

Ich vermutete, dass es so wäre. Aber Welt, Teufel und Fleisch hielten mich schon zu fest in den Klauen. An den Einfluss des Teufels glaubte ich nie. Und jetzt bezeuge ich, dass er solche Menschen, wie ich damals einer war, gewaltig beeinflusst.

Nur viele Gebete anderer und meiner selbst, verbunden mit Opfer und Leiden, hätten mich ihm entreißen können.

Und auch das nur allmählich. Gibt es wenig äußerlich Besessene, so wimmelt es von innerlich Besessenen. Der Teufel kann denen, die sich seinem Einfluss hingeben, den freien Willen nicht rauben. Doch zur Strafe für ihren gleichsam grundsätzlichen Abfall von Gott lässt dieser es zu, dass der „Böse“ sich in ihn einnistet,

Ich hasse auch den Teufel. Dennoch gefällt er mir, weil er euch zu verderben sucht, er und seine Helfershelfer, die mit ihm am Anfang der Zeit gefallenen Geister.

Sie zählen nach Millionen. Sie schweifen auf der Erde umher, dicht wie ein Mückenschwarm, und ihr ahnt es kaum.

Wir, die verworfenen Menschen, haben euch nicht zu versuchen; das kommt den gefallenen Geistern zu.

Es vermehrt zwar ihre Qual noch jedes Mal, das sie eine Menschenseele in die Hölle herunterreißen. Aber was tut der Hass nicht!

Obwohl ich gottferne Pfade beschritt, folgte Gott mir nach.

Ich ebnete der Gnade den Weg durch natürliche Liebesdienste, die ich durch Neigung meines Naturells nicht selten verrichtete.

Zuweilen lockte mich Gott in eine Kirche. Da empfand ich es wie Heimweh. Als ich die kränkelnde Mutter trotz der Arbeit tagsüber im Büro pflegte und mich einigermaßen aufopferte, wirkten diese Lockungen Gottes mächtig.

Einmal überkam mich in der Spitalskirche, wohin du mich über die Mittagszeit mitgenommen hast, eine Rührung, dass es nur einen Schritt zu meiner Bekehrung gebraucht hätte. Ich weinte.

Aber dann flutete die Weltfreude wieder über die Gnade hinweg. Der Weizen erstickte in den Dornen.

Mit der Erklärung, Religion sei Gefühlssache, wie es im Geschäft immer hieß, schob ich auch diese Gnadenregelung gleich den übrigen unter den Tisch. Du hast mich einmal getadelt, weil ich anstatt einer Kniebeugung bis zum Boden nur einen formlosen Knicks machte. Du hieltest dies für Trägheit, scheinst nicht zu vermuten, dass ich bereits damals nicht mehr an die Gegenwart Christi im Sakrament glaubte. Jetzt glaube ich daran, aber rein natürlich, so wie man an ein Unwetter glaubt, dessen Folgen man wahrnimmt.

Inzwischen hatte ich mir selbst eine Religion zurechtgelegt. Ich hielt mich an die Ansicht, die bei uns im Geschäft gang und gäbe war, die Seele erstehe nach dem Tode in einem anderen Wesen und wandre so endlos weiter. (Reinkarnation).

Damit war die bange Frage nach dem Jenseits zugleich untergebracht und mir unschädlich gemacht.

Warum hast du mich nicht ans Gleichnis vom reichen Prasser und armen Lazarus erinnert, die der Erzähler, Christus, unverzüglich nach dem Tode, den einen zur Hölle, den anderen zum Paradies fahren lässt? Aber was hättest du erreicht? Nicht mehr als mit deinen anderen bigotten Reden (Luk 16,19).

Allmählich bastelte ich mir selbst einen Gott zurecht; ausgestattet genug, um Gott zu heißen; mir fern genug, um keine Beziehung zu ihm unterhalten zu müssen; verschwommen genug, um sich nach Bedürfnis, ohne meine Religion zu wechseln, zum auszupantheistischen Weltgott ausdehnen oder zum deistischen Hagestolz verdichten zu lassen.

Dieser „Gott“ hatte mir keinen Himmel zu schenken und keine Hölle zu verabfolgen. Ich ließ ihn in Ruhe. Darin bestand meine Anbetung an ihn.

„Was man liebt, das glaubt man gern.“ Im Lauf der Jahre hielt ich mich ziemlich von meiner Religion überzeugt. Es ließ sich damit leben.

Nur eine hätte ihr das Genick gebrochen, ein tiefes langes Leid. Und dieses Leid kam nicht!

Verstehst du jetzt, was es heißt: Wen Gott liebt, den schlägt er?

Es war an einem Sommertag im Juli, als der Mädchenbund einen Ausflug nach A. veranstaltete. Der Ausflug wäre mir schon recht gewesen. Aber das blöde Gerede und fromme Getue!

Ein anderes Bild als das der Gnadenmutter von A. stand seit kurzem auf dem Altar meines Herzens: der flotte Max N. vom Kaufhaus nebenan. Wir hatten kurz vorher mehrmals miteinander geschäkert.

Eben für jenen Sonntag hatte er mich zu einem Ausflug eingeladen. Die, mit der er gewöhnlich ging, lag im Krankenhaus. Er hatte wohl gemerkt, dass ich ein Auge auf ihn geworfen hatte. Ihn zu heiraten dachte ich damals noch nicht. Er war zwar wohlhabend, aber mir zu freundlich gegen alle möglichen Mädchen. Und ich wollte bis dahin immer noch einen Mann, der mir allein gehörte, nicht nur Frau, sondern einzige Frau sein. Ein gewisser natürlicher Anstand blieb mir ja stets eigen.

(Das ist wahr. Anni hatte bei all ihrer religiösen Gleichgültigkeit etwas Vornehmes in ihrem Wesen. Ich erschreckte beim Gedanken, dass auch „anständige“ Leute in die Hölle kommen können, wenn sie unanständig genug sind, Gott aus dem Wege zu gehen.)

Beim erwähnten Sonntagsausflug überbot sich Max in Liebeswürdigkeiten. Keine pfäffischen Gespräche wurden geführt wie bei euch.

Vorwürfe hast du mir im Büro andern Tags gemacht, weshalb ich nicht mit euch nach A. gegangen sei. Ich schilderte dir mein Sonntagsvergnügen.

Deine erste Frage lautete: „Warst du in der Messe?“ - Närrin, wie konnte ich, da die Abfahrt schon auf 6 Uhr vereinbart war!

Weißt du noch, wie ich gereizt hinzufügte: Der liebe Gott denkt nicht so kleinlich wie eure Pfaffen!“

Jetzt muss ich bekennen, Gott nimmt es bei all seiner endlosen Güte genauer als sie alle.

Nach jenem ersten Ausflug mit Max kam ich noch einmal in den Bund, an Weihnachten zur Feier. Es zog mich manches zurück. Aber innerlich war ich euch schon entfremdet. Kino, Tanz, Ausflüge, eins folgte aufs andere. Max und ich zerstritten uns zwar einige Male. Doch ich wusste, ihn immer wieder an mich zu fesseln. Äußerst lästig fiel mir die Nebenbuhlerin, die, aus dem Spital zurückgekehrt, sich wie rasend gebärdete. Endlich zu meinem Glück, denn meine vornehme Ruhe machte mächtigen Eindruck auf Max und gab schließlich den Ausschlag mich ihr vorzuziehen. Ich hatte es verstanden, kühl redend, äußerlich sachlich, innerlich Gift speiend, sie bei ihm schlecht zu machen. Solche Gefühle und solches Tun bereiten trefflich auf die Hölle vor. Sie sind teuflisch im besten Sinn des Wortes.

Warum erzähle ich das? Um zu berichten, wie ich von Gott endgültig loskam.

Nicht dass es übrigens sehr oft zu letzten Vertraulichkeiten zwischen mir und Max gekommen wäre. Ich begriff, dass ich mich in seinen Augen herabsetzte, wenn ich mich vor der Zeit austrinken ließe. Deshalb hielt ich zurück.

Aber an sich war ich, sooft ich es für nützlich erachtete, jederzeit zu allem bereit. Ich musste Max erobern. Dazu war nichts zu teuer. Zudem liebten wir uns allmählich, da wir beide manch wertvolle Eigenschaften besaßen, die wie aneinander achten konnten. Ich war gewandt, tüchtig, gute Gesellschafterin. So bekam ich Max fest in die Hand, sodass ich ihn, wenigstens in den letzten Monaten vor der Heirat allein besaß.

Darin bestand mein Abfall von Gott, ein Geschöpf zu meinem Abgott zu erheben. Nirgends kann das so allumfassend geschehen wie bei der Liebe zu einem Menschen des anderen Geschlechts, falls diese Liebe im Irdischen stecken bleibt. Das macht den Reiz aus, ihren Stachel und ihr Gift.

„Die Anbetung“, die ich Max zollte, wurde mir zur gelebten Religion.

Es war die Zeit, wo ich im Büro giftig über Kirchenläufer, Geistliche, Ablässe, Rosenkranzgeplapper und ähnlichen Krimskrams herfiel.

Du hast dich mehr oder weniger geistreich bemüht, diese Dinge in Schutz zu nehmen, scheinbar nicht ahnend, dass es sich bei mir zutiefst gar nicht um diese Dinge drehte, dass ich vielmehr einen Stützpunkt gegen mein Gewissen suchte - ich brauchte ihn damals noch -, um meinen Abfall auch verstandesmäßig zu rechtfertigen.

Schließlich revoltierte ich gegen Gott. Das sahst du nicht ein. Du hieltest mich immer noch für katholisch. Ich wollte auch so heißen; zahlte sogar die Kirchensteuer. Eine gewisse „Rückversicherung“ konnte ja nicht schaden, dachte ich.

Deine Antworten mochten zuweilen treffend sein. An mir glitten sie ab, weil du nicht rechthaben durftest.

Angesichts dieser zerschnittenen Beziehungen war unser Trennungsschmerz gering, als wir durch meine Verheiratung auseinander kamen.

Vor der Trauung beichtete ich noch einmal und kommunizierte. Es war eben vorgeschrieben. Ich und mein Mann dachten hierin gleich. Warum sollen wir diese Förmlichkeit nicht erledigen? Wir erledigten sie wie eine andere Förmlichkeit.

Ihr nennt das unwürdig. Nach jener „unwürdigen“ Kommunion hatte ich mehr Ruhe im Gewissen. Es war übrigens die letzte.

Unser Eheleben verlief im allgemeinen recht harmonisch. Wir waren in allen Punkten so ziemlich derselben Meinung. Auch darin, dass wir uns die Last von Kindern nicht aufbürden wollten. Im Grunde hätte zwar mein Mann gerne eines gehabt - natürlich nicht mehr. Ich wusste ihn schließlich auch davon abzubringen. Kleider, feine Möbel, Teestuben, Autofahrten und ähnliche Zerstreuungen lagen mir näher.

Es war ein vergnügtes Erdenjahr zwischen der Trauung und meinem jähen Tode. Jeden Sonntag fuhren wir aus oder machten Besuche bei Verwandten des Mannes. (Meiner Mutter schämte ich mich jetzt.) Diese schwammen genau so an der Oberfläche des Daseins wie wir. Innerlich fühlte ich mich freilich nie glücklich, mochte ich äußerlich noch so lachen. Es nagte immer ein unbestimmtes Etwas an mir. Ich hatte gewollt, dass nach dem Tode, der selbstredend noch lange ausbleiben sollte, alles aus wäre.

Aber so ist es, wie ich einmal als Kind in einer Predigt sagen hörte, dass Gott alles Gute, das ein Mensch vollbringt, belohnt. Wenn er es im Jenseits nicht vergelten kann, tut er es auf Erden.

Ich machte unerwartet eine Erbschaft (von Tante Lotte). Meinem Mann glückte es, sein Gehalt bedeutend zu vermehren. Ich konnte unsere neue Wohnung reizend einrichten.

Das Religiöse dämmerte nur noch ferne.

Die Kaffeehäuser in der Stadt, die Hotels, in deren wir auf Reisen einkehrten, brachten uns Gott nicht nahe.

Alle, die dort verkehrten, lebten wie wir, von außen nach innen; nicht von innen nach außen.

Besuchten wir auf Fernreisen einen berühmten Dom, suchten wir uns am bloßen Kunstgehalt der Meisterwerke zu laben. Den religiösen Hauch, den sie, besonders die mittelalterlichen, ausstrahlten, verstand ich dadurch zu neutralisieren, dass ich mich über irgendeinen Nebenumstand der Besichtigung zu ärgern verstand. Einen sauber gekleideten oder unbeholfenen Klosterbruder, der uns führte: - den „Skandal“, dass fromm sein wollende Mönche Likör verkaufen; das ewige Gebimmel zum Gottesdienst, wo es doch nur ums Geldmachen gehe.

So wusste ich die Gnade, sooft sie anklopfte, immer wieder abzuweisen.

Besonders ließ ich meinem Unmut freien Lauf bei gewissen altertümlichen Höllendarstellungen, auf Friedhöfen oder anderswo, wo der Teufel die Seelen in Rot- und Weißglut röstete, und seine Genossen mit langen Schwänzen ihm neue Opfer herbeischleppen. - Klara, die Hölle kann verzeichnet, sie kann nicht übertrieben werden!

Das Höllenfeuer habe ich stets besonders aufs Korn genommen. Du weißt, wie ich dir bei einem Gespräch darüber einst ein Streichholz unter die Nase hielt und höhnte: Riecht es so?

Du bliesest die Flamme rasch aus. Hier löscht sie niemand.

Ich sage dir, Feuer, wovon die Bibel spricht, heißt nicht Gewissensqual. Feuer heißt Feuer. Es ist wörtlich zu verstehen, was jener gesagt hat: Weichet von mir, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer! Wörtlich!

Wie kann der Geist vom stofflichen Feuer berührt werden, fragst du. - Wie kann auf Erden deine Seele leiden, wenn du den Finger in die Flamme hältst? Es brennt ja auch nicht die Seele; doch welche Qual verspürt der ganze Mensch!

Ähnlich sind wir hier seelisch ans Feuer gebunden, unserem Wesen nach und unseren Fähigkeiten nach. Unsere Seele entbehrt ihres natürlichen Flügelschlages: wir können nicht denken, was wir wollen, und nicht, wie wir wollen.

Schau nicht blöd auf diese Zeilen; denn dieser Zustand, der euch nichts sagt, versengt mich, ohne mich zu verzehren.

Unsere größte Qual besteht darin, genau zu wissen, dass wir Gott nie schauen werden.

Wie das peinigen kann, da es einem auf Erden so gleichgültig ist? - Solange das Messer auf dem Tisch liegt, lässt es einen kalt. Man sieht seine Schärfe; fühlt sie nicht. Doch führe das Messer ins Fleisch, und du schreist auf vor Schmerz.

Jetzt fühlen wir Gottes Verlust; vorher sahen wir ihn nur.

Nicht alle Seelen leiden gleichermaßen.

Je boshafter und grundsätzlicher jemand gesündigt hat, umso schwerer wuchtet auf ihm Gottes Verlust, würgt ihn die missbrauchte Kreatur.

Die verdammten Katholiken leiden mehr als Andersgläubige, weil sie meist mehr Licht und Gnade empfingen und zertraten.

Wer mehr gewusst hat, leidet härter, als wer weniger erkannte. Wer aus Bosheit gesündigt hat, leidet schärfer, als wer aus Schwäche fiel.

Aber keiner leidet mehr, als er es verdient hat. Oh, dass dies nicht wahr wäre, so dass ich einen Grund zum Hassen hätte!

Du hast mir einmal gesagt, niemand komme in die Hölle, ohne es zu wissen. Einer Heiligen sei dies geoffenbart worden.

Ich lachte darüber, verschanzte mich aber dann doch wieder hinter dieser Erklärung:

So wird nötigenfalls Zeit genug zu einer Umstellung bleiben, sagte ich mir im stillen.

Der Ausspruch stimmt. Ich kannte vor meinem jähen Ende die Hölle zwar nicht so, wie sie ist. Kein Irdischer kennt sie. Aber ich war mir genau bewusst: Wenn du stirbst, gehst du gegen Gott ins Jenseits hinüber. Du wirst die Folgen tragen.

Ich machte nicht kehrt, wie schon gesagt, fortgespült von der Gewohnheit, aus jener Gleichmäßigkeit heraus, mit der die Menschen je älter je mehr nach demselben Muster handeln.

Mein Tod trat so ein.

Vor einer Woche war’s - ich spreche nach euer Zählung, denn am Schmerz gemessen, könnte ich ebenso gut schon 10 Jahre in der Hölle brennen - vor einer Woche also machten mein Mann und ich an einem Sonntag den für mich letzten Ausflug.

Strahlend war der Tag angebrochen. Ich fühlte mich so wohl wie selten. Ein unheimliches Glücksgefühl durchrieselte mich.

Da wurde mein Mann bei der Heimfahrt plötzlich von einem heransausenden Auto geblendet. Er verlor die Führung.

Jesses! Durchzuckte es mich. Nicht als Gebet, nur als Schrei. Ein zerquetschender Schmerz presste mich zusammen. - Verglichen mit den jetzigen eine Bagatelle. Dann schwanden mir die Sinne.

Seltsam, an jenem Morgen war in mir unerklärlicher Weise der Gedanke aufgestiegen: Du könntest wieder einmal in die Messe gehen! Es klang wie ein Flehen.

Klar und unbestimmt schnitt mein Nein den Gedankenfaden ab. Damit muss endlich Schluss gemacht werden. Ich übernehme alle Folgen. - Jetzt trage ich sie.

Was nach meinem Tode geschah, wirst du wissen. Das Schicksal meines Mannes, das meiner Mutter, was mit meiner Leiche vorging und der Hergang meines Begräbnisses sind mir in den Einzelheiten durch natürliche Erkenntnis, die wir haben, bekannt.

Was sonst auf Erden vorgeht, wissen wir nur verschwommen. Was uns aber irgendwie nahe lag, kennen wir. So sehe ich auch deinen Aufenthalt.

Ich selber erwachte im Augenblick meines Hinscheidens jäh aus dem Dunkel, sah mich wie von grellem Licht umflutet.

Es war am gleichen Ort, wo meine Leiche lag. Es geschah wie im Schauspielhaus, wenn mit einmal die Lampen im Saale verlöschen, der Vorhang auseinanderrutscht; schaurig beleuchtet eine ungeahnte Szenerie sich auftut. Die Szenerie meines Lebens. Wie in einem Spiegel zeigte meine Seele sich mir selbst. Die zertretenen Gnaden von Jugend auf bis zum letzten Nein Gott gegenüber.

Mir ward zumute wie einem Mörder, dem während der Gerichtsverhandlung sein entseeltes Opfer vorgeführt wird. - Bereuen? Nie! Mich schämen? Nie!

Aber auch auszuhalten vermochte ich es nicht unter den Augen des von mir verworfenen Gottes. So blieb nur eines, die Flucht. -

Wie Kain vor Abels Leiche floh, so riss es meine Seele vor diesem Anblick des Grauens hinweg. Das war das besondere Gericht! Ich selbst riss mich los von Gott. Zurück? Niemals? Nein?

So endete Annis Brief. Die letzten Worte waren fast unleserlich.

Da, was war das? In den scharfen Akzent der Zeilen, die ich zu lesen geglaubt, klang mild ein Glockenton. Ich fuhr auf. Ich lag noch in meinem Zimmer. Das Frührot blickte durchs Fenster. Von der Pfarrkirche klang das Aveläuten herüber.

Also war alles nur ein Traum gewesen? -

Nie fühlte ich je den Trost des Engelgrußes wie nach diesem Traum. Langsam betete ich die drei Gegrüßet. Da wurde es mir ganz klar: An IHR musst du festhalten, an der gebenedeiten Mutter des Herrn, Maria kindlich verehren, willst du nicht das Los erleiden, das dir - wenn auch nur im Träume - eine Seele geschildert, die Gott nie schauen wird.

Noch zitternd von der schrecklichen Nacht stand ich auf, kleidete mich hastig an, eilte stiegenab in die Hauskapelle. 

Das Herz pochte mir bis zur Kehle hinauf. Die mir zunächst knienden wenigen Gäste sahen mich wohl an. Aber sie mochten sich denken, weil ich über die Stiege gelaufen, scheine ich so erhitzt.

Eine gütige ältere Dame aus Budapest, leidgeprüft, gebrechlich wie ein Kind, kurzsichtig, doch eifrig im Gottdienen und weitsichtig in geistlichen Dingen, meinte am Nachmittag im Garten lächelnd zu mir: „Fräulein, der Heiland will nicht im Schnellzug bedient sein!

Aber dann gewahrte sie gleich, dass etwas anderes mich bewegt hatte und noch bewegte. Begütigend fügte sie bei: „Nichts soll dich ängstigen“ - Sie kennen das Sprüchlein der heiligen Theresia? - Nichts soll dich erschrecken - Alles vergeht - Gott bleibt derselbe - Geduld erreicht alles - Wer Gott besitzt - dem kann nichts fehlen - Gott allein genügt!“

Während sie das leise und so gar nicht lehrhaft flüsterte, war mir, als lese sie in meiner Seele. - „Gott allein genügt!“

Ja, ER soll genügen, hienieden und drüben. Ich will IHN dort einst besitzen, mag es hier noch so viele Opfer kosten. Ich will die Prüfungen des Erdenlebens bestehen und an der Liebe zu Gott festhalten, damit ich IHN immer besitze, der allein Friede, Freude und Glück ist, während alle Erdenfreuden vergehen.

So viel schreitet einer im geistlichen Leben voran, als er ausgeht aus seiner Eigenliebe, aus seinem Eigenwillen, aus seinem Eigennutz! Denn wahre Liebe ist selbstlos schenkend.

Wie man sich die Hölle ausmalt, ist gleich, denn sie ist nicht eine irdische Realität und kann nicht mit stofflichen Bildern genau wiedergegeben werden - sie ist anders!

Aber eines ist sicher: DIE HÖLLE EXISTIERT UND DAUERT EWIG, also ohne jemals wieder aufzuhören, - weil die Seele ewig lebt, mit oder ohne Gottesschau!

Wer sich im Laufe seines ehemaligen Erdenlebens immer wieder am Ende ein für allemal dem immer barmherzigen Gott versagt und sich gegen IHN stellt, kommt in den Zustand der Gottferne, Finsternis, Kälte, des Feuers … und der Qual! Wer sich gegen die gefallenen Engel, gegen Satan, Teufel und Dämonen zum Erlöser Jesus Christus stellt, kommt zum Leben in Freude! Es gibt nur ein Erdenleben: danach HIMMEL ODER HÖLLE!

 

LASSET ALLE HOFFNUNG FAHREN, DIE IHR DORT EINTRETET!

 

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