A. SACHVERHALT

HIC SAPIENTIA EST : QUI HABET INTELLECTUM COMPUTET NUMERUM BESTIAE NUMERUS ENIM HOMINIS EST ET NUMERUS EIUS EST SESCENTI SEXAGINTA SEX

SANCTA ECCLESIA CATHOLICA

 

Urteil des Landgerichtes Aschaffenburg im so genannten Klingenberg-Fall: Unrichtig in der Begründung und insoweit unhaltbar im Ergebnis

Von Dr. Harald Grochtmann, Richter am Amtsgericht

Rheda-Wiedenbrück

Aus dem Buch: «Der Exorzismus der Kirche unter Beschuss» (Seite 98 – 104)

ISBN 3-7171-0991-X Christiana-Verlag

Bestellmöglichkeit: Tel.: 08671 – 12015 / Altötting

a. Sachverhalt

Der folgende kurze Sachverhalt wird entnommen dem mit seinen vollen 86 Seiten nicht veröffentlichten Urteil des Landgerichtes Aschaffenburg (KLS 4 Js 6880/76), einigen Zeugenvernehmungen in dieser Sache unmittelbar nach dem Vorfall vor der Polizei, zwei ärztlichen Sachverständigengutachten und der eingehenden Schilderung des Falles von Felicitas Goodman, einer deutschstämmigen Amerikanerin, die 1968-1979 einen Lehrstuhl für Linguistik und Anthropologie an der Denison-Universität in Ohio / USA hatte und 1947 in die Vereinigten Staaten von Amerika von Deutschland ausgewandert ist. Sie ist nicht katholisch und auch nicht Theologin, sondern von ihrem Fachgebiet der Kulturanthropologie mit dem Hauptfach transkulturelle Religionsforschung aus geht sie an den Fall heran, zu dem sie alle erreichbaren Unterlagen eingesehen hat. [Felicitas Goodman, Anneliese Michel und ihre Dämonen / der Fall Klingenberg in wissenschaftlicher Sicht. Christiana-Verlag, Stein am Rhein 1980]

Am 1. Juli 1976 starb in der fränkischen Kleinstadt Klingenberg die damals 23 Jahre alte Studentin Anneliese Michel, wobei ihr voller Name schon deswegen genannt werden soll, da er in mehreren Veröffentlichungen immer wieder voll genannt wurde. Das Urteil führt im Sachverhalt aus, dass Anneliese, die ebenso wie ihre Eltern als praktizierende Katholikin tief religiös war, seit dem 16. Lebensjahr an Epilepsie gelitten haben soll. Das wird allerdings bestritten. Eine nervenärztliche Behandlung wegen nächtlicher Anfälle erfolgte ab 1969. Nach dem Urteil waren jedoch die Hirnstrombilder bis 1973 ohne Befund. Sie war bei mehreren Ärzten, u. a. auch im Institut für Psychotherapie und medizinische Psychologie der Universität Würzburg. Auch die Medikamente halfen nichts. In dieser Klinik wurden am 4. Dezember 1973 erstmalig am Hirnstrombild epileptische Muster festgestellt.

Etwa ab der Jahreswende 1973/74 klagte Anneliese darüber, dass sie «Teufelsfratzen» furchtbarer Art sehe und auch stinkende Gerüche wahrnehme, die jedoch ihr Bekannter Peter Himsel nicht feststellte. Diesen hatte sie im Oktober 1973 kennen gelernt. Sie wollte schon nach drei Wochen die Freundschaft beenden, man kam jedoch überein, weiterhin freundschaftlich verbunden zu bleiben. Wie Peter Himsel, der bei seiner polizeilichen Vernehmung am 2. Juli 1976 fast ein Jahr als Junglehrer tätig war, weiter aussagte, kamen Ende Juni 1975 zu den bisherigen Merkmalen bei Anneliese neue Erscheinungsformen hinzu. Sie, die schon immer tiefgläubig war, konnte plötzlich keine der Religionsverehrungen dienenden Gegenstände mehr sehen. Sie warf in ihrem Zimmer in Würzburg eine Weihwasserflasche in die Ecke, zerriss einen Rosenkranz und zerschlug in der Wohnung in Klingenberg ein Kruzifix. Weitere Symptome waren: Schlaflosigkeit, gesteigertes aggressives Verhalten und Unfähigkeit, den Gottesdienst zu besuchen. [Seite 4 der Aussage Himsel]

Unter dem 30. September 1974 schrieb der damalige Kaplan Alt an seinen zuständigen Bischof von Würzburg Dr. Josef Stangl. Ein Jahr zuvor war er erstmalig mit dem Fall Anneliese Michel in Berührung gekommen. In dem Brief schreibt er u. a.: [Goodman, Anneliese Michel, a. a. O., S. 72-73]

«Zwei Tage danach besuchte mich ein Mitbruder (dies war Pfarrer Hermann), der mit dem Fall betraut war. Ich bekam von ihm zwei Briefe in die Hand, je einen von Mutter und Tochter Michel. Ich habe die Briefe nicht gelesen – es wurde mir plötzlich übel, so dass ich jeden Augenblick die Besinnung verlieren konnte. Ich geriet dabei in eine seltsame, nie gekannte Erregung, alles zum Schrecken und Erstaunen meines anwesenden Mitbruders. Damit konnte man aber immer noch keine Besessenheit beweisen.

Am Abend während der Abendmesse, als ich mich mental auf die heilige Wandlung vorbereitete und dieses mir noch unbekannte Mädchen in das Opfer mit einschloss, bekam ich plötzlich wie einen Stoß in den Rücken. Ein kalter Luftzug überstrich meinen Kopf von hinten her. Zu gleicher Zeit roch es intensiv nach Brand. Ich musste mich an den Altar lehnen. Mit großer Mühe und Konzentration sprach ich die Wandlungsworte und den Rest des Kanons. Ich war irgendwie in Bedrängnis – benommen. Ich spürte, wie eine negative Macht mich umgab, die mir aber außer Quälereien nichts anhaben konnte.

Nach dem Gottesdienst begab ich mich sogleich zu einem Mitbruder, dem ich alles ruhig und ausführlich berichtete. Die darauf folgende Nacht war die unruhigste meines Lebens. Obwohl ich eine stark wirkende Schlaftablette, die sonst immer half, genommen hatte, konnte ich keine Ruhe finden. Eine ganze Skala von Gestank erfüllte meine Wohnung: Brand-, Mist-, Kloaken- und Fäkaliengeruch wechselten ab. Wenn ich zum Rosenkranz griff, wenn ich irgendein anderes Gebet sprach – es stank im wahrsten Sinne infernalisch! Hinzu kam einige Male lautes Gepolter in meinem Rollschrank. Ich lag in großer Bedrängnis im Bett und versuchte zu beten; besann mich auf meine priesterliche Macht. Ich sprach in einigen Worten einen Exorzismus. Es wurde für mich einige Augenblicke leichter. Ich war eiskalt, aber nass geschwitzt. In meiner Not rief ich Pater Pio an, von dem ich wusste, dass er ähnliches erlebt hatte. Es geschah nichts. Ich wiederholte die Anrufung – und plötzlich erfüllte ein intensiver Veilchengeruch mein Zimmer.

Als ich am kommenden Abend dies meinen Mitbrüdern berichtete, konnten sie plötzlich auch diesen eigenartigen Gestank wahrnehmen. Das ganze Pfarrhaus der Nachbargemeinde (Pfarrhaus Unserer Lieben Frau, wo er auf Besuch war) roch nach Brand, obwohl die Fenster offen standen.»

In der Folge schreibt er dann noch, dass sich diese Vorgänge auch in minderem Maße wiederholt hätten. Bei Gesprächen über Anneliese mit seinem Freund Kaplan Roth sei auch ein solcher Gestank aufgetreten.

Unter dem 16. September 1975 schreibt der inzwischen zum Pfarrer in Ettleben bei Schweinfurt ernannte Ernst Alt dem Bischof Dr. Stangl in Würzburg. Nach eingehender Beratung, insbesondere mit dem in Fragen der Besessenheit sehr vertraute Frankfurter Pater Rodewyk, stellt man fest, es müsse von einer echten Besessenheit bei «Anna Lieser», wie Anneliese Michel aus Geheimhaltungsgründen gegenüber Dritten genannt wurde, ausgegangen werden. Pater Renz wird als Priester für den Exorzismus nach dem hierfür einschlägigen Rituale Romanum der katholischen Kirche vorgeschlagen. Der Bischof beauftragt «nach reiflicher Überlegung und guter Information» Pater Renz, einen Superior der Salvatorianer, damit § 1151 CIC. Sein Gebet gelte seit längerer Zeit diesem Anliegen, Gott möge helfen, er danke aufrichtig für diesen Einsatz, schreibt der Bischof anschließend. [a. a. O., S. 121]

Nachdem Anneliese im Sommer 1973 ihr Abitur gemacht hatte, zog sie im Oktober 1973 in das Studentenheim Ferdinandeum in Würzburg, wo sie das Studium der Pädagogik und Theologie an der dortigen pädagogischen Hochschule aufnahm. Am 8. Februar 1975 hielt sie eine mit «gut» bewertete Lehrprobe zum Thema «Jesus hat auch die Kinder lieb, segnet sie. [S. 14 des Urteils] Das Fauchen mit anderer Stimme stellte sich erstmals im Juli 1975 heraus, verbunden jeweils mit den anderen oben geschilderten Merkmalen.

Am 24. September 1975 betete Pater Renz erstmals den so genannten großen Exorzismus im Elternhaus Michel in Klingenberg. [S. 20 des Urteils] Ab 1. Oktober 1975 wurden Tonbandaufnahmen von Sitzungen gemacht. Insgesamt erfolgten 67 solcher Sitzungen.

Auf Seite 22 und 23 des Urteils heißt es wie folgt:

«Eine aus der Sicht der Beteiligten besonders bemerkenswerte Sitzung fand am Freitag, 31.10.1975, statt. Bei dieser waren u. a. sämtliche vier Angeklagten zugegen. Es fuhren – wie die Versammelten glaubten – aus Anneliese Michel sechs Teufel aus. Sie nannten sich Luzifer, Judas Iskariot, Kain, Nero, Hitler und Pfarrer Fleischmann (= ein im 16. Jahrhundert in Ettleben amtierender Pfarrer, der seine Geliebte umgebracht haben soll). Den Tag ihrer «Ausfahrt» hatten die Dämonen bei vorausgegangenen Sitzungen am 20. und 22.10.1975 angekündigt. Luzifer hatte dabei angegeben, dass er «schon immer drin» gewesen sei, womit nach dem Verständnis der Beteiligten der Mutterschoß der Angeklagten A. M. gemeint war. Auf die allgemeine Erleichterung – es wurde gerade ein Danklied gesungen – folgte eine große Enttäuschung. Unter Gebrüll – so glaubten die Anwesenden – kamen die meisten Dämonen wieder. Der Angeklagte R. wollte es erzwingen und setzte seine Bemühungen bis Mitternacht fort. Über diese Geschehnisse berichtete der Angeklagte A. ausführlich dem Bischof von Würzburg mit Schreiben vom 13.11.1975.

Darüber, wie die Angeklagten festgestellt haben wollen, dass die Teufel aus- und zum Teil wieder eingefahren sind, konnten sie und auch die übrigen Anwesenden keine Angaben machen.

A. M. fühlte sich nach dem 31.10.1975 nach dem Urteil ihr nahe stehender Personen wesentlich freier als vorher. Sie ging ab 7.11.1975 wieder zur Beichte und zur Kommunion. Auch hielt sie sich in Würzburg auf, wo sie ihr Studium fortsetzte und sogar Teilprüfungen ablegte. Die exorzistischen Sitzungen, an denen wiederholt der Angeklagte A. teilnahm, fanden weiterhin in Klingenberg statt.

In seiner polizeilichen Vernehmung vom 16. Juli 1976 sagt der Zeuge Himsel, dass er allen Sitzungen zur Ausübung des Exorzismus beigewohnt hatte. Anneliese sei «besonders ablehnend gegenüber Gebeten, Handauflegungen, Anlegen der Stola, Auflegen von Reliquien und Weihwasserausteilen» gewesen. [S. 86 der Akten]

Peter Himsel berichtet später von einem Vorfall in der Kirche von Ettleben, wo Franz Alt Pfarrer war. Anneliese ging mit Himsel spazieren, wollte jedoch vorher noch kurz die dortige renovierte Kirche anschauen. Kaum waren sie eingetreten, als sich Annelieses Gesicht zu einer Maske verzerrte. Sie sagte, sie müsse bis zur Abendmesse, die erst in drei Stunden stattfand, dort bleiben und beten. Himsels Versuch, sie zu überreden, doch den Spaziergang zu machen, nützte nichts. Als er versuchte, sie aus der Bank zu heben, wo sie sich hingekniet hatte, war sie so schwer geworden, dass seine Kraft nicht ausreichte, sie hochzuheben, was sonst sehr leicht ging. Als Pfarrer Alt geholt wurde und dieser über sie ein Gebet sprach, konnte sie aufstehen. [Goodman, Anneliese Michel, a. a. O., S. 207] Sie war 1976 mit ihrer Schwester einige Zeit in Ettleben im Pfarrhaus.

Am 9. Mai holten ihre Eltern, Peter Himsel und ihre Schwester Barbara sie von Ettleben wieder nach Klingenberg zurück. Als Anneliese sie sah, kam sie kurz zu sich, dann erstarrte sie wieder und wurde so schwer, dass die Männer sie kaum zum Auto tragen konnten. Während der verbleibenden Wochen ihres Lebens wechselte Annelieses Empfinden unregelmäßig zwischen Raserei und Zeiten, wo sie völlig Herrin ihrer selbst war. Manchmal brüllte sie stundenlang. Sie konnte kaum schlafen, insbesondere nichts essen. Dann gab es wieder Zeiten, wo sie sagte: «Schnell, schnell, jetzt kann ich was essen!» Im übrigen verletzte sie sich in ihrer Raserei erheblich. [a. a. O., S. 209] Obwohl Anneliese immer magerer wurde – sie wog zuletzt nur noch etwa 31 kg –, konnte sie manchmal bei den Sitzungen nur mit Mühe von zwei Männern gehalten werden, wobei sie meistens stärker war. Mit der völlig anderen Stimme aus ihr wurden Gott, die Gottesmutter (Maria), die Heiligen und religiöse Gegenstände in unflätigster Weise beschimpft. Die Zeugin Thea Hein hat z. B. ausgesagt, dass sie wild um sich schlug und wie ein Tier brüllte, sobald gebetet wurde. [S. 67 der Akten] Andere Zeugen schildern ähnliche Beobachtungen.

Da sie im ersten Halbjahr 1976 ihre Prüfungsarbeiten nicht fertig stellen konnte, wurde die Verlängerung der Frist gewährt, die dann im Mai 1976 nochmals verlängert werden musste, da die Arbeit noch nicht fertig war.

In den letzten Monaten lehnte sie jede ärztliche Hilfe ab, da diese vorher auch nichts an Besserung gebracht habe. Die Beteiligten gingen davon aus, dass sie, wie früher, bei wieder möglicher Nahrungsaufnahme schnell ihr Gewicht aufholen würde, wofür der Zeuge Himsel mehrere Beispiele angab. So sagte er, dass sie nach längerer Zeit, wo sie nur wenig oder nichts essen konnte, dann ab 15. August 1975 am Feste Mariä Himmelfahrt wieder anfing zu essen und zu trinken und ihr normales Gewicht nach einigen Wochen wieder hatte. [S.16 der Akten]

Zum Inhalt der Gespräche, welche er, bzw. die Priester am Exorzismus mit den von ihnen als Dämonen angesehenen Wesen führte, kann hier nichts näher angeführt werden. Diese hat zum Teil Felicitas Goodman in ihrem Buch über Anneliese dokumentiert. [a. a. O., S. 223 ff] Die Antworten gehen jeweils auf die Frage ein. Unter schmerzhaften Schreien geben sie auf die jeweiligen Fragen Antwort, warum sie in der Hölle sind. So antwortet z. B. der sich als «Nero» bezeichnende Dämon dem Pater Renz lateinisch, er habe u. a. die Christen umgebracht und ein liederliches Leben geführt. [a. a. O., S. 169]

Für alle Beteiligten völlig unerwartet, weil Pater Rodewyk versichert hatte, dass bei einem Exorzismus noch niemals jemand gestorben sei, stirbt Anneliese Michel in der Nacht zum 1. Juli 1976. Als Grund werden später hochgradige Abmagerung, außergewöhnlich hohe körperliche Beanspruchung und eine Lungenentzündung angegeben. [S. 40. f des Urteils]

 

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